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Krebs und Psyche

Aktive Angstbewältigung verbessert die Lebensqualität

Wer Angst hat, muss nicht befürchten, dass seine Ängste die Heilung bzw. den Verlauf der Krebserkrankung negativ beeinflussen. Wer lernt, seine Angst zu kontrollieren, kann jedoch seine Lebensqualität deutlich verbessern.

Aktive Angstbewältigung verbessert die LebensqualitätBei der Diagnose Krebs ist Angst ein normales Gefühl, das nahezu alle Krebspatienten erleben: Angst vor dem Tod, Angst und Ungewissheit hinsichtlich des Therapie- und Krankheitsverlaufes, Angst, dass der Krebs streut oder der Tumor wieder erneut auftritt. Wenn die Angst, die aus der realen existenziellen Bedrohung im Verlauf einer Krebserkrankung entsteht, über viele Jahre oder sogar lebenslang bestehen bleibt, wird dies in der Fachsprache als Progredienzangst bezeichnet [1].

Wer seine Ängste und die körperlichen und psychischen Anzeichen hierfür erkennt, kann die Angst aktiv bewältigen. Es gibt verschiedene Strategien im Umgang mit der Angst, die weiter unten im Text kurz beschrieben werden.

 

Welche Situationen können angstauslösend wirken?

Krebspatienten können in ganz unterschiedlichen Situationen Angst entwickeln. Die häufigsten Ängste entstehen beispielsweise im Zusammenhang mit [1]:

  • Arztterminen oder Kontrolluntersuchungen
  • Der Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Erkrankung
  • Der bevorstehenden Therapie z. B. Operationen (Risiken/Folgen)
  • Dem Schicksal der Angehörigen, falls man nicht überlebt
  • Schmerzen, die möglicherweise auftreten
  • Dem Verlust der Selbständigkeit im Alltag
  • Den Nebenwirkungen der Medikamente
  • Der Vererbbarkeit der Krankheit auf die Nachkommen

Ängste können auch mit dem Risiko in Zusammenhang stehen, erneut zu erkranken (Rezidiv) oder ein Körperteil oder Organ zu verlieren (z. B. Entfernen der Brust oder eines Teils des Darms). Sie können auch den Verlust des Arbeitsplatzes oder der sozialen Beziehungen (Isolation aufgrund der Krankheit) betreffen. Alle diese Ängste sind völlig normal und „erlaubt". Sie sind in der Regel kein Anzeichen einer behandlungsbedürftigen, psychischen Erkrankung, aber sie können dennoch die Lebensqualität des Betroffenen und seiner Angehörigen massiv beeinträchtigen.

 

Ängste beeinflussen den Krankheitsverlauf nicht

Wer Angst hat, muss nicht befürchten, dass seine Ängste die Heilung bzw. den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen oder zu einem Rezidiv (Wiederauftreten des Tumors) führen. Denn dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege [2].

Die Angst kann jedoch die Lebensqualität stark einschränken. Wenn sich eventuell eine Panikstörung oder eine Angststörung entwickelt hat, ist deshalb eine fachgerechte Behandlung, z. B. eine Verhaltenstherapie oder Gesprächstherapie sinnvoll [1,2].

 

Angst kann sich in Form körperlicher und seelischer Symptome zeigen

Nicht jeder Mensch zeigt die gleichen Anzeichen der Angst, es ist vielmehr eine ganze Reihe an körperlichen und psychischen Symptomen möglich [3].

Körperliche Anzeichen von Angst

  • Atemnot und Hyperventilation (übersteigertes, rasches Atmen)
  • Zittern
  • Erhöhte Muskelspannung
  • Herz- und Pulsrasen
  • Schwindelgefühl
  • Schweißausbrüche
  • Mundtrockenheit
  • Magen-Darm-Probleme (Übelkeit, Durchfall)
  • Schmerzen und Enge-Gefühl im Bereich des Brustkorbs
  • Blasse oder gerötete Haut
  • Enge-Gefühl im Rachen (Kloß im Hals)
  • Kribbeln und Stechen in verschiedenen Körperregionen

Psychische Symptome der Angst

  • Nervosität und Gereiztheit
  • Konzentrationsstörungen
  • Starke Anspannung und Unruhe
  • Starke Erschöpfung
  • Schlafstörungen
  • Ständiges Grübeln (Angstgedanken)
  • Hilflosigkeit
  • Unsicherheit
  • Panik

Die Anzeichen der Angst sind in der Regel nicht permanent vorhanden, sondern tauchen phasenweise oder in bestimmten Situationen auf, z. B. vor oder während einer Kontrolluntersuchung oder auch nachts.

 

Wie man mit Angst umgehen kann: Strategien der aktiven Angstbewältigung

Es gibt keine Patentrezepte und keine allgemeingültigen Verhaltensregeln, wie man Angst erfolgreich bewältigen kann. Denn jeder Mensch hat seine eigenen Lebenserfahrungen und Strategien im Umgang mit Krisensituationen. Angst kann man nicht „auf Knopfdruck" ausschalten, es gibt jedoch Menschen, die sehr erfolgreich im Verdrängen ihrer Ängste sind. Diese Strategie kann aber paradoxerweise dazu führen, dass die Angst längerfristig sogar verstärkt wird [4].

Wer seine Angst aktiv bewältigen möchte, sollte sich zunächst eingestehen, dass er Angst hat. Er sollte sich bewusst machen, in welchen Situationen bzw. wovor er konkret Angst hat und wie sich seine Angst äußert. Wahrscheinlich hat jeder Patient seine ganz speziellen Angstauslöser. Während der eine beispielsweise große Angst vor der Operation hat, macht sich der andere eher wegen seiner Familie Sorgen. Manche Menschen zeigen eher körperliche Angstreaktionen, andere wälzen vorwiegend Angstgedanken oder spüren Angstgefühle. Wer weiß, was Angst für ihn konkret bedeutet, kann entsprechende Strategien anwenden, mit denen er seine Ängste in den unterschiedlichen Situationen abmildern oder sogar ganz verlieren kann.

Die folgenden Verhaltensweisen können Bestandteil einer aktiven Angstbewältigung sein:

  • Die Angst akzeptieren
    Die Angst ernst nehmen, die Angst-Szenarien zu Ende denken, sich mit der Angst auseinandersetzen – wer seiner Angst Raum gibt, sich gestattet Angst zu haben, der beginnt mit seinen Angstgefühlen zu leben anstatt sie zu verdrängen. Dies ist der erste Schritt, um wirksame Strategien gegen seine Ängste zu entwickeln. Es kann Patienten helfen, wenn sie bei diesem wichtigen Schritt der Angstbewältigung auf die Unterstützung eines erfahrenen Psychologen vertrauen.
  • Über die Angst sprechen
    Wer offen über seine Ängste und Sorgen spricht, fühlt sich in der Regel entlastet. Nicht umsonst heißt es „sich etwas von der Seele reden". Häufig kommt man im Gespräch auch auf neue Gedanken oder ändert eventuell seinen Blickwinkel auf die Angst, wenn man seinem Gegenüber davon erzählt.
  • Ängste herauslassen und Gefühle ausdrücken
    Angestaute Ängste können soweit anwachsen, dass sich ein enormer emotionaler Druck aufbaut. Dieser Druck wandelt sich häufig in Wut und Aggression, wenn er nicht frühzeitig abgelassen wird. Wut kann ein Ergebnis der Angst sein, denn Wut ist eine Möglichkeit, die bei der Angst vorhandene Hilflosigkeit und das Ausgeliefertsein abzuwehren. Deshalb kann sie zugleich eine unbewusste Form der Angstbewältigung darstellen [5]. Wut abzulassen kann dazu beitragen Ängste abzumildern, deswegen sollte man seine Gefühle herauslassen, nicht ständig unterdrücken. Es muss ja kein „Dampf-Ablassen" mit Geschrei oder Aggression sein. Auch Musik, Malen oder Bewegung können sehr gut als Ventil dienen.
  • Kontakte mit nahestehenden Menschen und verständnisvolle Unterstützung suchen
    Die Familie, Freunde, aber auch Selbsthilfegruppen, Mitarbeiter von Beratungsstellen, der Hausarzt, ein Seelsorger oder auch ein Psychologe können beim Umgang mit Ängsten wertvolle Hilfestellung geben. Es ist bekannt, dass Krebspatienten mit guten Sozialkontakten weniger Ängste haben als sozial isolierte Patienten [5].
  • Ablenkung suchen und Abstand gewinnen
    Ablenkung ist sozusagen eine bewusste, kontrollierte Form der Verdrängung. Das Ziel ist es, von seinen Ängsten und Sorgen Abstand zu gewinnen, um ganz bewusst die schönen Dinge des Lebens in den Vordergrund zu rücken. Dabei kann die Ablenkung ein Hobby sein, auch Aktivitäten mit Familie und Freunden oder ein Spaziergang. Diese Art der Verdrängung kann sich auf die Angstbewältigung positiv auswirken, denn es ist sehr belastend, sich pausenlos mit seiner Krankheit zu beschäftigen.
  • Für sportliche Betätigung und Entspannung sorgen
    Nach sportlicher Betätigung entspannen sich Muskeln sowie der gesamte Körper und in der Entspannung verringern sich auch Ängste. Beim Sport werden außerdem körpereigene Stimmungshormone (Endorphine) gebildet, die gegen Ängste und Schmerzen wirksam sein können. Wer regelmäßig Sport treibt, stärkt neben Muskulatur und Herz auch sein Selbstbewusstsein, da er sich fit und gesund fühlt. Sport ist insgesamt eine optimale Strategie der Angstbewältigung. Auch gezieltes Entspannungstraining wie Autogenes Training, Yoga und andere Entspannungsverfahren können zur Angstbewältigung sinnvoll sein.
  • Mit Information gegen Unsicherheit und Angst vorgehen
    Informiert sein, wissen was bei einer Krebserkrankung im Körper und ihm Rahmen der Krebstherapie passiert, kann ebenfalls Ängsten entgegenwirken. Wer verunsichert ist, Angst vor der Therapie und dem weiteren Verlauf seiner Krankheit hat, sollte deshalb den behandelnden Arzt um verständliche Erklärungen bitten.

 

Bei anhaltenden Angstzuständen ist professionelle Unterstützung hilfreich

Wer unter anhaltenden oder sehr starken Ängsten, Panikattacken oder generalisierten Angstzuständen leidet, sollte sich nicht scheuen, professionelle Unterstützung zu suchen. Ohne Therapie können die Symptome einer Angststörung monate- und jahrelang anhalten und das ganze Leben schwer machen. Es gibt verschiedene therapeutische Verfahren und Medikamente, die zur Angstbewältigung geeignet sind.

Voraussetzung für die erfolgreiche Behandlung einer Angststörung sind zunächst die fachgerechte Diagnose und das Erkennen der Ursachen. In vielen Tumorzentren und Kliniken gibt es psychoonkologische Beratungsstellen, die Krebspatienten und Angehörige bei der gesamten Krankheitsverarbeitung unterstützen. Bei Angstzuständen stehen die Spezialisten der psychoonkologischen Beratungsstellen den Betroffenen und ihren Angehörigen zur Seite und können geeignete Wege aus der Angst zeigen.

Quellen:
[1] Heußner P et al. Manual der Psychoonkologie. W. Zuckschwerdt Verlag. 3. Auflage 2009
[2] Diamantidis T. Den Krebs bewältigen und einfach wieder leben. TRIAS Verlag. 2. Auflage 2010
[3] http://www.macmillan.org.uk/Cancerinformation/Livingwithandaftercancer/Emotionaleffects/Worryanxietypanicattacks.aspx (zuletzt besucht am 30.11.2017)
[4] Koster EH et al. The paradoxical effects of suppressing anxious thoughts during imminent threat. Behave Res Ther 2003; 41(9):1113-20
[5] Ehlert U. Verhaltensmedizin. Springer-Verlag: Berlin, Heidelberg 2003

Erstellt am: 16.10.2011
Autorin: Dr. Ruth Wissler
Dies ist ein Service von Novartis Oncology
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