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Krebs und Psyche

Depression bei Krebs: Professionelle Unterstützung kann helfen

Die Diagnose Krebs verändert das Leben. Wenn die eigene Existenz plötzlich bedroht ist, reagiert jeder Mensch anders, z. B. auch mit Depressionen. Nur eine Depression, die erkannt wird, kann behandelt werden.

Depression bei Krebs: Professionelle Unterstützung kann helfenHoffnungslosigkeit und Trauer sind ganz natürliche Gefühle, die wohl jeder Krebserkrankte durchlebt. Dauern diese Gefühle jedoch länger an, kann dies auf eine Depression hinweisen. Die häufig geäußerte Ansicht, dass negative Gefühle oder eine Depression einen negativen Einfluss auf den Verlauf der Krebserkrankung haben, konnte nicht bewiesen werden. Eine Depression kann bei einer Krebserkrankung jedoch zusätzlich belasten und sollte deshalb professionell diagnostiziert und behandelt werden.

 

Depressionen sind bei einer Krebserkrankung kein Einzelfall

Im Verlauf einer Krebserkrankung bestehen häufig depressive Episoden (Fachbegriff für eine schwächere Form der Depression) bzw. Depressionen [1]. Tumorpatienten erkranken deutlich häufiger an Depressionen als die Allgemeinbevölkerung. Bis zu 58 % der Krebspatienten entwickeln eine depressive Störung, manche kurz nachdem sie die Diagnose Krebs bekommen haben, andere erst später im Verlauf oder sogar nach Abschluss der Behandlung [3]. Patienten, die bereits vor der Krebserkrankung psychische Probleme hatten, sind dabei eher gefährdet [1]. Auch verschiedene Therapieverfahren und Medikamente, die in der Krebsbehandlung eingesetzt werden [1], sowie die Tumoren selbst (z. B. Tumoren der Hirnanhangdrüse) [2], können die Entwicklung einer Depression begünstigen.

 

Gibt es Verhaltensweisen, die das Risiko einer Depression bei Krebs verringern?

Es gibt keine Patentrezepte und keine allgemeingültigen Verhaltensregeln, die der Entwicklung einer Depression bei einer Krebserkrankung vorbeugen könnten. Jeder Mensch hat seine persönlichen Lebenserfahrungen und Strategien im Umgang mit Krisensituationen. Häufig wird betont, wie wichtig es sei, „aktiv" gegen den Krebs zu kämpfen. Oft gehörte Aussagen sind z. B. auch, „sich vom Krebs nicht besiegen zu lassen" oder „sich nicht hängen zu lassen" oder „immer positiv zu denken". Wichtig ist für den Betroffenen vor allem, sich von Angehörigen und Freunden nicht unter Druck setzen zu lassen. Denn jeder Mensch hat das Recht, auch traurig zu sein, nicht immer alles positiv zu sehen und sich gehen zu lassen, wenn ihm danach zumute ist.

Wenn Stimmungstiefs jedoch sehr häufig auftreten und/oder länger anhalten, können diese – zusammen mit anderen Symptomen – Hinweise auf eine depressive Episode oder Depression sein. Man sollte eine Depression aber nicht als persönliche Schwäche ansehen, denn sie ist im Zusammenhang mit Krebs keine ungewöhnliche psychische Reaktion.

 

Depression unterscheidet sich von Hoffnungslosigkeit und Trauer

Nicht jede Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit oder Trauer ist ein Anzeichen einer Depression. Es ist ganz natürlich, dass im Verlauf einer Krebserkrankung immer wieder Phasen der Verzweiflung und Traurigkeit auftreten. Wenn solche Gefühle aber länger bestehen und den ganzen Tag über anhalten, sollte man sich professionelle Hilfe suchen.

Eine Depression kann sich schleichend entwickeln, dadurch ist es manchmal sehr schwierig, sie zu erkennen. Es gibt aber auch Menschen, die sich ganz plötzlich bewusst werden, dass sie ohne Hoffnung, Lebensfreude und sozusagen „Gefangene der schwarzen Wolke der Depression" sind. An einer Depression zu leiden ist kein persönliches Versagen oder Schwäche. Es handelt sich um eine therapierbare Krankheit, wie ein Beinbruch, eine Grippe oder eine Herzerkrankung. Eine Depression sollte deshalb – wie alle anderen Krankheiten auch – fachgerecht behandelt werden, d. h. durch ausgebildete Fachleute wie Psychoonkologen, Psychiater und Psychotherapeuten.

 

Welche Symptome weisen auf eine Depression hin?

Hinweise auf eine Depression oder eine depressive Episode geben mehrere seelische und körperliche Veränderungen. Zu diesen typischen Symptomen zählen [1, 4]:

  • Depressive Verstimmung mit Niedergeschlagenheit, Mutlosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit
  • Stark vermindertes Interesse oder fehlende Freude an den üblichen Aktivitäten
  • Deutliche Gewichtsveränderungen infolge eines gesteigerten oder verminderten Appetits
  • Schlaflosigkeit oder übermäßiges Schlafbedürfnis sowie anhaltende Schlafstörungen
  • Ruhelosigkeit oder auffallend verlangsamte Reaktionen im Alltag
  • Anhaltende Müdigkeit oder Energieverlust
  • Selbstzweifel, Gefühle von Wertlosigkeit oder Schuldgefühle
  • Verminderte Denk- oder Konzentrationsfähigkeit
  • Verringerte Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen
  • Wiederkehrende Todes- oder Selbstmordgedanken

Eine Depression kann auch anhaltende körperliche Schmerzen verursachen. Da Schmerzen aber auch durch die Krebserkrankung selbst oder die Krebstherapie hervorgerufen werden können, bleiben sie als Anzeichen einer Depression oft unerkannt.

Fachleute sprechen erst dann von einer depressiven Episode oder Depression, wenn zwei der Hauptsymptome wie gedrückte Stimmung, Interesse- und Freudlosigkeit, Antriebsstörung und zwei bis vier andere Anzeichen vorhanden sind [1]. Dabei müssen die Symptome mindestens 14 Tage lang vorhanden sein [1].

 

Männer und Frauen haben oft unterschiedliche Anzeichen einer Depression

Vor allem Männer nehmen seelische Probleme häufig in Form körperlicher Anzeichen wahr, weniger als emotionale oder psychische Beeinträchtigung. Bei Frauen stehen dagegen oft die emotionalen Symptome im Vordergrund [5], deshalb sprechen sie mit anderen offener über ihre seelischen Probleme. Männer haben eher die Tendenz, über ihre emotionalen Beschwerden nicht zu reden. Somit leiden sie gleichsam unter zwei Problemen: der Krebserkrankung und der nicht kommunizierten seelischen Belastung. Werden Männer aber gezielt nach psychischen Problemen wie beispielsweise einer Depression befragt, so sind diese bei ihnen ebenso häufig zu beobachten wie bei Frauen [6].

 

Wer hat ein erhöhtes Risiko an einer Depression zu erkranken?

Es gibt Menschen, die im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung eher zu depressiven Episoden oder Depressionen neigen als andere Krebspatienten. Hierzu zählen Patienten, die [5]

  • bereits früher an einer Depression erkrankt waren,
  • sich zurückziehen und/oder nicht in der Lage sind, mit anderen über ihre Krebserkrankung zu sprechen (Isolation),
  • zugleich viele andere Probleme haben und/oder in den Vordergrund schieben (Überforderung),
  • mit bestimmten Medikamenten behandelt werden.

Der behandelnde Arzt oder der Psychoonkologe wird diese Risikofaktoren gegebenenfalls im Rahmen des Patientengesprächs ansprechen und Fragen hierzu beantworten.

 

Bei Depression sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden

Eine Depression ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die häufig nicht alleine überwunden werden kann. In der Öffentlichkeit wird die Erkrankung auch heute noch vielfach tabuisiert und Betroffene vermeiden es, mit anderen darüber zu reden. Dabei sollte sich niemand scheuen, professionelle Unterstützung zu suchen. Ohne Therapie kann eine Depression monate- und jahrelang anhalten und das gesamte Leben massiv beeinträchtigen oder sogar zum Suizid führen. Wie sich gezeigt hat, können 80 % der depressiven Patienten durch eine geeignete psychotherapeutische Behandlung innerhalb weniger Wochen eine Verbesserung ihrer psychischen Verfassung erzielen [3].

Voraussetzung für die erfolgreiche Behandlung einer Depression sind zunächst die fachgerechte Diagnose und das Erkennen der Ursachen. In vielen Tumorzentren und Kliniken gibt es psychoonkologische Beratungsstellen, die Krebspatienten und Angehörige bei der gesamten Krankheitsverarbeitung unterstützen. Bei Depressionen stehen die Spezialisten der psychoonkologischen Beratungsstellen den Betroffenen und ihren Angehörigen zur Seite und können geeignete Wege aus der Depression zeigen. 

Quellen:
[1] Heußner P et al. Manual der Psychoonkologie. W. Zuckschwerdt Verlag. 3. Auflage 2009
[2] Pyter LM et al. Peripheral tumors induce depressive-like behaviors and cytokine production and alter
hypothalamic-pituitary-adrenal axis regulation. PNAS 2009; 106 (22): 9069–9074.
[3] http://cancerhelp.cancerresearchuk.org/coping-with-cancer/coping-emotionally/cancer-and-your-emotions/sadness-and-depression/about-depression-and-cancer (zuletzt besucht am 30.11.2017)
[4] https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/nebenwirkungen-der-therapie/angst-und-depression.html (zuletzt besucht am 30.11.2017)
[5] http://www.macmillan.org.uk/Cancerinformation/Livingwithandaftercancer/Emotionaleffects/Depression.aspx (zuletzt besucht am 30.11.2017)
[6] Miller S et al. Patterns of depression in cancer patients: an indirect test of gender-specific vulnerabilities to depression. Soc Psychiatry Psychiatr Epidemiol 2011, 4 (8): 767-774

Erstellt am: 14.10.2011
Autorin: Dr. Ruth Wissler
Dies ist ein Service von Novartis Oncology
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