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Kompetent als Patient

Shared Decision Making – gemeinsam entscheiden

Shared Decision Making bedeutet, dass der Patient die Möglichkeit hat, medizinische Entscheidungen gemeinsam mit dem Arzt zu treffen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist ein guter, gegenseitiger Informationsaustausch.

Shared Decision Making – gemeinsam entscheidenEs scheint heutzutage notwendig und unumgänglich, dass Patienten an medizinischen Entscheidungen beteiligt sind. Viele Patienten möchten aktiv mitbestimmen, welche Behandlung sie erhalten, und wünschen sich, dass ihr Arzt sie umfassend über ihre Erkrankung und mögliche Therapieformen informiert. Auch das neue Patientenrechtegesetz, das der Bundesrat Anfang Februar 2013 beschlossen hat, stärkt das Recht auf Information und Mitbestimmung der Patienten ausdrücklich. [1, 2, 3]

Im Folgenden erfahren Sie mehr über das sogenannte Shared Decision Making (SDM), einen Ansatz, der sich mit der aktiven und gleichberechtigten Beteiligung von Patienten an medizinischen Entscheidungsprozessen befasst. [1, 4]

 

Was ist Shared Decision Making (SDM)?

Der englische Begriff Shared Decision Making bedeutet übersetzt so viel wie „gemeinsam Entscheidungen treffen". In Deutschland bezeichnet man Shared Decision Making häufig auch als „partizipative Entscheidungsfindung". Patienten sind demnach aktiv und gleichberechtigt an Entscheidungsprozessen beteiligt, die ihre Behandlung betreffen. Sie als Patient arbeiten partnerschaftlich mit Ihrem Arzt zusammen und teilen sich dabei die Verantwortung für gemeinsam getroffene Entscheidungen. [2]

Hauptmerkmal des Shared Decision Making ist ein gegenseitiger Informationsaustausch: Ihr Arzt informiert Sie über Ihre Erkrankung und klärt Sie über Vor- und Nachteile der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten auf. Sie informieren den Arzt über Ihre Erwartungen, Einstellungen und Ängste in Bezug auf die Therapie. Nur wenn Sie beide offen miteinander kommunizieren, ist es möglich, sich gemeinsam für eine Therapie zu entscheiden, die sich sowohl an Ihren Bedürfnissen als auch an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert. Shared Decision Making findet also nicht nur auf medizinischer, sondern vor allem auch auf persönlicher Ebene statt. [1, 2]

 

Positive Effekte des Shared Decision Making

Shared Decision Making stößt als Konzept auf breite Zustimmung - neben Patienten sind dies vor allem Wissenschaftler und Gesundheitspolitiker. Viele Patienten sind zufriedener, wenn sie mitentscheiden können. Dadurch verbessert sich insgesamt die Qualität der medizinischen Behandlung: Wenn der Patient sich aktiv für eine bestimmte Therapie entschieden hat, ist er eher dazu bereit, diese auch konsequent einzuhalten. [2]

Da Sie sich beim Shared Decision Making intensiver mit Ihrem Arzt austauschen, wissen Sie besser über Ihre Erkrankung Bescheid und können Ihren Krankheitsverlauf realistischer einschätzen. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Ihrem Arzt kann zudem das gegenseitige Vertrauen stärken. [2]

 

Jeder Patient ist anders

Die Bereitschaft, an Entscheidungsprozessen teilzuhaben, ist nicht nur alters-, sondern auch schicht- und bildungsabhängig. Mehr als jeder zweite Patient in Europa und Deutschland wünscht sich von seinem behandelnden Arzt, dass dieser ihn über die Erkrankung und Therapiemöglichkeiten aufklärt und mitentscheiden lässt. Dies trifft vor allem auf jüngere Menschen mit einem höheren Schulabschluss und höherem Einkommen zu. Ältere Menschen hingegen bevorzugen häufig eine passivere Rolle und überlassen dem Arzt die Entscheidung für eine bestimmte Therapie. [1, 2]

Obwohl Shared Decision Making den Vorstellungen vieler Patienten entspricht, ist es nicht für jeden Patienten geeignet. Während der eine Patient zum Beispiel viel über seine Erkrankung erfahren und über die Behandlung mitentscheiden möchte, empfindet der andere eine gemeinsame Entscheidungsfindung vielleicht als Herausforderung, der er sich nicht gewachsen fühlt. Aufgabe von Arzt und Patient ist es dann, die Zusammenarbeit so zu gestalten, dass sie den individuellen Bedürfnissen des Patienten nach Information, Kommunikation und Selbstbestimmung bestmöglich gerecht wird. [2]

Grundsätzlich gilt: Shared Decision Making ist ein Angebot für Patienten, sich aktiv an medizinischen Entscheidungen zu beteiligen. Hören Sie jedoch auf Ihr Bauchgefühl und legen Sie für sich fest, ob und in welchem Umfang Sie dieses Angebot in Anspruch nehmen möchten. Besprechen Sie Ihre Entscheidung am besten mit Ihrem behandelnden Arzt. [1, 2]

 

Voraussetzungen für ein erfolgreiches Shared Decision Making

Patient und Arzt entscheiden gleichberechtigt - in der Theorie ist dies meist leichter gesagt als in der Praxis. Damit Shared Decision Making auch im Praxisalltag funktionieren kann, muss vor allem die Arzt-Patienten-Kommunikation stimmen.

Werden Sie sich über Ihre Ängste, Einstellungen und Erwartungen bezüglich der Therapie bewusst und besprechen Sie diese offen mit Ihrem Arzt. Nur so kann Ihr Arzt wissen, was Sie beschäftigt und individuell auf Ihre Wünsche und Sorgen eingehen. Benennen Sie auch, was Sie von Ihrem Arzt erwarten. Vielen Patienten ist wichtig, dass der Arzt sich ausreichend Zeit nimmt, sie ausführlich über ihre Krankheit und Behandlung aufklärt und auf ihre Ängste und Fragen eingeht. Erfolgreiches Shared Decision Making erfordert also auch kommunikative und soziale Fähigkeiten des Arztes, etwa verständliches Erklären und Einfühlungsvermögen. [1, 6]

Der Arzt hat aufgrund seiner Ausbildung und seiner Erfahrung einen Wissensvorsprung - für Sie kann es daher hilfreich sein, sich über die Informationen Ihres Arztes hinaus über Ihre Krankheit zu belesen. Vertrauensvolle wissenschaftlich fundierte Informationen erhalten Sie zum Beispiel beim IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen), beim ÄZQ (Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin), beim DNEBM (Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin) oder auch bei Verbraucherorganisationen. [1, 2]

Letztendlich kann Shared Decision Making nur gelingen, wenn Sie und Ihr Arzt einem partnerschaftlichen Verhältnis sowie einer gleichberechtigten Entscheidungsfindung gegenüber aufgeschlossen sind. Ein Beispiel: Wenn Sie sich entschließen, die Meinung eines weiteren Arztes einzuholen, ist Ihr behandelnder Arzt verpflichtet, entsprechende Unterlagen der Patientenakte dafür auszuhändigen. Für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit gehört darüber hinaus jedoch auch eine positiv unterstützende Haltung des Arztes dazu. Er sollte z. B. nicht gekränkt reagieren oder Ihren Wunsch abwiegeln. Denn gerade bei der Entscheidung zu schwerwiegenden Therapien kann eine weitere Begutachtung des Befunds Ihnen mehr Transparenz und Sicherheit geben. [7]

 

Welche Probleme können beim Shared Decision Making auftreten und welche Lösungen gibt es?

Das Herzstück des Shared Decision Making ist die Arzt-Patienten-Kommunikation. Sie können als Patient nur dann gemeinsam mit Ihrem Arzt eine Therapieentscheidung treffen, wenn Sie sich buchstäblich „verstehen". In der medizinischen Ausbildung lernen Ärzte jedoch kaum, „auf Augenhöhe" mit ihren Patienten zu kommunizieren, so dass beim Shared Decision Making Verständnisprobleme auftreten können. So versteht ein Patient zum Beispiel medizinische Hintergründe seiner Erkrankung falsch, weil der Arzt sie zu kompliziert erklärt und nicht nachfragt, ob die Informationen auch verständlich sind. Daher fordern Politiker - ebenso wie Ärzte - Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, um die kommunikativen Fähigkeiten der Ärzte zu schulen. [1, 2]

Eine weitere Möglichkeit, um die Arzt-Patienten-Kommunikation im Shared Decision Making zu fördern, sind Gesprächsleitfäden für Ärzte. Sie geben dem Arzt eine Orientierungshilfe im direkten Gespräch mit dem Patienten, so dass alle wichtigen Fragen und Themen zur Sprache kommen, etwa persönliche Einstellungen des Patienten, Vor- und Nachteile der Therapiemöglichkeiten sowie Fragen zum medizinischen Verständnis. Auch für Sie als Patient gibt es einige Tipps, um sich optimal auf das Arztgespräch vorzubereiten. [1, 2]

Neben Kommunikationstrainings für Ärzte und Gesprächsleitfäden können spezielle Patientenschulungen dazu beitragen, dass Patienten medizinische Sachverhalte besser verstehen. Auch sogenannte Entscheidungshilfen („decision aids"), zum Beispiel in Form von Videos, informativen Webseiten oder Informationsbroschüren, können Patienten darin unterstützen, Informationen und Zusammenhänge besser nachzuvollziehen. [2, 5, 6]

 

Wie wird Shared Decision Making aktuell umgesetzt?

Nicht nur Patienten wünschen sich, stärker in Therapieentscheidungen mit einbezogen zu werden. Auch die Politik, Institutionen im Gesundheitswesen und Ärzte setzen sich für ein größeres Mitspracherecht von Patienten ein. Das neue Patientenrechtegesetz, das der Bundesrat Anfang Februar 2013 gebilligt hat, schafft hierfür jetzt auch einen rechtlichen Rahmen. Demnach ist der Arzt fortan verpflichtet, seinen Patienten umfassend und verständlich über Diagnosen, verfügbare Therapien sowie Vor- und Nachteile der jeweiligen Behandlungen aufzuklären. Auch die gemeinsame Entscheidungsfindung von Arzt und Patient wurde durch das Patientenrechtegesetz ausdrücklich gestärkt: Sie als Patient sollen künftig die Möglichkeit haben, sich aktiv an Entscheidungen zu beteiligen, die Ihre eigene Gesundheitsversorgung betreffen. [1, 3]

Zwar ebnet das neue Patientenrechtegesetz den Weg für eine aktivere Patientenbeteiligung, jedoch zeigen Umfragen, dass es bislang noch nicht gelungen ist, Shared Decision Making auch im medizinischen Alltag nachhaltig umzusetzen. Als Hauptgrund hierfür nennen Ärzte wie auch Patienten eine unbefriedigende Arzt-Patienten-Kommunikation. Vielen Ärzten fällt es häufig schwer, medizinische Informationen patientenverständlich zu erklären. Gleichzeitig bleibt in der Arztpraxis oftmals zu wenig Zeit, um alle Fragen der Patienten ausreichend zu beantworten. Ärzte fordern daher vermehrt Kommunikationstrainings in der medizinischen Ausbildung. Auch leicht verständliches Patienteninformationsmaterial kann die Kommunikation zwischen Arzt und Patient erleichtern, denn viele Fragen des Patienten lassen sich so zum Beispiel bereits beim Durchlesen einer Informationsbroschüre beantworten. [1, 2]

[1] Bertelsmann Stiftung und Zentrum für Sozialpolitik: Shared Decision Making. Chartbook 2005
[2] BARMER GEK Gesundheitswesen aktuell 2012:
http://www.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Versicherte/Rundum-gutversichert/Infothek/Wissenschaft-Forschung/Publikationen/Gesundheitswesen-aktuell-2012/10-Dirmaier-Haerter-2012,property=Data.pdf (zuletzt besucht am 30.11.2017)
[3] Bundesministerium für Gesundheit: https://www.med-in-leipzig.de/datenschutz?catid=108&id=373:pressemitteilung-bmg-patientenrechtegesetz-passiert-den-bundesrat (zuletzt besucht am 30.11.2017)
[4] Patient als Partner in der Onkologie: http://www.pefmed.de/ (zuletzt besucht am 30.11.2017)
[5] Scheibler, F., Pfaff, H. (Hrsg.): Shared Decision-Making. Juventa Verlag, Weinheim und München 2003
[6] Patient als Partner: http://www.patient-als-partner.de (zuletzt besucht am 30.11.2017)
[7] https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/leben-mit-krebs/beratung-und-hilfe/aerztliche-zweitmeinung.html (zuletzt besucht am 30.11.2017)

Erstellt am: 07.02.2013
Autor: Miriam Lossau
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